Aus "Land an der Miesa", Jänner 1998:
Denunzianten im Protektorat
Ota Filip besprach am 30. August 1997 in der Frankfurter Allgemeine
Zeitung (Seite 7) das Buch "Hyänen" von Jaroslav Pospisil. Es erschien
1996 und befaßt sich mit dem tschechischen Denunziantentum. während
der Protektoratszeit. Der Verfasser stützt sich dabei auf Material
aus Geheimarchiven, zu denen er nach 1989 Zugang erhielt.
Die für Tschechen sicherlich erschütterndste Aussage betrifft
das Ausmaß der "Zusammenarbeit" ihrer Landsleute mit der Gestapo.
Pospisil stellt fest, daß zwischen 1939 und 1945 mehr als 90
Prozent aller Denunziationen von den Tschechen selbst ausgingen! Ota
Filip wählt aus der Fülle der Beispiele nur drei aus, die bezeichnend
für die "entsetzlichsten Konturen" einer "bis heute nicht bewältigten
Geschichte" seien.
Das erste Beispiel betraf den einstigen Gestapoagenten Bedrich Pokorny,
der im April 1945 plötzlich Partisan und Mitte Mai 1945 "Sicherheitsreferent"
der Stadt Brünn wurde. Als solcher war er dann der Hauptverantwortliche
für den Brünner Todesmarsch.
Für den Heimatkreis Mies-Pilsen ist die Karriere des Flugzeugmechanikers
František Foukal interessant. Er wird von Pospisil als Anführer der
Partisanengruppe in Miröschau bezeichnet, über deren Untaten
die Mies-Pilsener 1996 erschütternde Bilder veröffentlichten.
Foukal hatte vor dem Mai 1945 Beziehungen zur Gestapodienststelle Zlin
und tauchte nach Kriegsende plötzlich in Miröschau auf. Als Kommandant
des dortigen Gefangenenlagers wurde er schuldig am grausamen Tod hunderter
deutscher Soldaten, deren Leichname zum Teil im Schloßgarten in ein
Massengrab geworfen wurden. Foukal erwies sein Brauchbarkeit vier Jahre
später erneut, als er in den mährischen Beskiden den Kommunisten
die Mitglieder einer christlich-demokratischen Untergrundorganisation ans
Messer lieferte. So ist es kein Wunder, daß Foukal noch 1987 einen
hohen Staatsorden erhielt. Der Heimatkreis Mies-Pilsen ist im Besitz des
Pospisil-Buches und bereitet eine ausführliche Schilderung von Foukals
Lebensweg vor.
Abbildung 1: Lagerkommandant Foukal (im Kreis) mit
seinen Helfern in Miröschau
Ein Beispiel des "Heldentums" tschechischer Partisanen erlebte das
Bergdorf Plostina bei Zlin. Es hatte etwa 100 Partisanen für ein halbes
Jahr Unterschlupf und Verpflegung geboten, bevor es im April 1945 von einem
tschechischen Spitzel verraten wurde. Als 40 bis 50 ältere SS- und
Wehrmachtsangehörige, die teilweise gerade erst aus den umliegenden
Krankenhäusern entlassen worden waren, anrückten, ergriffen die
gut bewaffneten und gut genährten jungen Krieger die Flucht und sahen
vom nahem Waldrand aus tatenlos zu, wie das Dorf niedergebrannt und alle
männlichen Einwohner erschossen wurden.
Jaroslav Pospisils Buch rechnet nach Meinung Ota Filips "unbarmherzig
mit der tschechischen Legende" vom allgemeinen Widerstand des ganzen Volkes
gegen die Nazis ab. Seine Wirkung wird nach den Erfahrungen der Sudetendeutschen
aber eher gering sein, denn die Tschechen zeichnen sich ja, wie schon Palacky
wußte, durch ein "erfinderisches Talent zu historischen
Deutungen" aus und ignorieren großzügig ihnen unangenehme
Tatsachen.
Für die Sudetendeutschen liegt der Hauptwert des Buches darin,
daß es aus der Feder eines Tschechen stammt und ein unverdächtiger
Beleg für den Kollaborationseifer seiner Landsleute ist. Dieser war
den Deutschen spätestens seit dem Heydrich-Attentat bekannt, als die
Gestapo durch Rundfunk-Aufruf um ein Abebben der Anzeigenflut bitten mußte.
Abbildung 2: Deutsche Soldaten werden vor ihrer Ermordung
im Schloßpark von Miröschau gedemütigt
Abbildung 3: Ein deutscher Soldat wird gezwungen,
seinen etwa 16-jährigen Kameraden zu verprügeln
Abbildung 4: Mai 1945: Massengrab mit getöteten
deutschen Soldaten im Schloßpark von Miröschau
Abbildung 5: Hauptverantwortlicher für die in
Miröschau an deutschen Soldaten verübten Verbrechen: Foukal (rechts)
1987 im Kreis ehemaliger Partisanen.