Zwei
aktuelle Interviews zur Lage der deutschen Heimatvertriebenen:
Eibicht:
Herr Dr. Ardelt, Bundesminister Naumann hat eine neue Konzeption
zur Kulturförderung der deutschen Heimatvertriebenen mit
materieller und inhaltlicher Neuorientierung vorgelegt. Die
Kulturarbeit der Vertriebenen wird damit sehr eingeschränkt,
herab- und herausgestuft. Wie beurteilen Sie dies?
Dr. Ardelt: Ich
sehe darin den Versuch, wieder ein Stück deutscher Kultur
preiszugeben. Ohne Berücksichtigung der Kultur aus den
Vertreibungsgebieten, ist das Bild, das die Deutschen von sich
haben müssen, verfälscht und lückenhaft. Der Marsch in den
Völkermord wird ein Stück weitergeführt.
Eibicht:
Das Naumann-Konzept befindet sich jetzt in der parlamentarischen
Beratung. Sind noch Veränderungen zu erreichen?
Dr. Ardelt:
Veränderungen sind natürlich möglich. Wer wird sie angehen? Es
wird interessant sein zu sehen, wie sich CDU und vor allem die
CSU bei den parlamentarischen Beratungen verhalten werden.
Eibicht:
Es wird also schwere Einschnitte im Bereich der Kulturarbeit
geben wie konnte es überhaupt soweit kommen? Hatte Linus
Kather nicht doch Recht, als er vom
Stimmviehmißbrauch der deutschen Heimatvertriebenen
sprach?
Dr. Ardelt:
Linus Kather hatte natürlich recht, aus eigener Erfahrung kam er
zu dem Urteil. Die Vertriebenenverbände haben sich zu sehr
in die Rolle von Interessenvertretern drängen lassen, in
sozialen Fragen war das richtig und notwendig. Viel zu wenig
vermochten sie es, deutlich zu machen, daß alles das, was in den
Vertreibungsgebieten verloren gegangen ist, alle Deutschen
verloren haben. Hier hätten sie stärker als es geschehen ist,
als Sachwalter gesamtdeutscher Interessen auftreten müssen.
Eibicht:
Was hat die Kulturarbeit von BdV und Landsmannschaften zum
Kernpunkt einer jeden Interessenvertretung der deutschen
Heimatvertriebenen, nämlich die heimatpolitische Durchsetzung
von Rückkehr und Wiedergutmachung, überhaupt beigetragen?
Dr. Ardelt:
Die Kulturarbeit hatte Sinn, wenn sie als Stimulans für das
Politische
angesehen wurde und nicht als Selbstzweck. Schließlich hat die
Politische Klasse die Vertriebenen auf die Kulturpflege
abggedrängt. Sie sollen nun wohl auch daraus vertrieben werden.
Eibicht:
Herr Dr. Ardelt, wie müßte, Ihrer Ansicht nach, eine
ostdeutsche und sudetendeutsche Heimatpolitik, die sich wirklich
an Rückkehr und Wiedergutmachung orientiert, heute im Jahre 1999
und in Zukunft aussehen? Tatsache ist doch, daß noch 1949 80%
der deutschen Heimatvertriebenen fest an eine Rückkehr glaubten,
heute, 50 Jahre später, ist noch nicht einmal der Name
Ostdeutschland übrig geblieben.
Dr. Ardelt:
Vertriebenenpolitik konnte und kann immer nur deutsche Politik
sein. Es ging und geht darum, so viel wie möglich von
Deutschland für Deutschland und das deutsche Volk zu retten. Wer
sich jedoch irgendwohin integrieren oder irgendwo
aufgehen will, wird dafür wenig Verständnis haben,
der muß die Identität mit Hilfe der Mißachtung von Kultur und
geschichtlicher Überlieferung beseitigen. Dies zu verhindern,
also deutsche Identität neu zu beleben, darauf kommt es an. Um
das zu erreichen und auch den deutschen Osten wieder auf die
Tagesordnung der Politik zu bringen, bedarf es einer Regierung,
die willens und in der Lage ist, die Interessen des eigenen
Volkes kraftvoll wahrzunehmen. Danach zu trachten, das ist die
Aufgabe aller Deutschen, nicht nur der Vertriebenen.
Dr. Alfred
Ardelt ist Landesobmann (Vorsitzender) der Sudetendeutschen
Landsmannschaft (SL) in Niedersachsen, Präsidiumsmitglied der
sudetendeutschen Bundesversammlung, Mitglied des Landesvorstandes
des BdV. Er war Landesvorsitzender des BdV in
Niedersachen von 1993 bis 1995. Das Interview mit ihm führte
Rolf-Josef Eibicht.
II.) Interview mit Dr. Walter Staffa:
Eibicht:
Herr Dr. Staffa, was bedeutet für sie persönlich der Verlust
der angestammten Heimat?
Dr. Staffa:
Die Vertreibung aus meiner angestammten Heimat bedeutet für mich
den Verlust meiner heimatlichen Lebenswurzel. Nach gründlicher
Familienforschung konnte ich die Reihe meiner väterlichen
Vorfahren bis zum Jahr 1635 zurückverfolgen. Andere Quellen für
die weiter zurückliegende Zeit sind im damaligen
Dreißigjährigen Krieg verloren gegangen. Diese Vorfahren lebten
überwiegend als Bauern in WACHTL, einem ausschließlich von
Deutschen besiedelten Ort des Böhmisch-Mährischen Höhenzuges.
Die Vorfahren mütterlicherseits stammten aus einem
gemischtsprachigen Gebiet der mährischen Walachei. Die Menschen
beider Wurzelbereiche waren schlichte, arbeitsame freundliche
Menschen von herzensguter Lebensart. Durch die Vertreibung wurden
auch die Bande dieser Gemeinsamkeiten menschlicher Wesensart
zerstört.
Eibicht:
Was bedeutet der Verlust der Heimat für die sudetendeutsche
Volksgruppe als Volksgruppe in der Vertreibung insgesamt?
Dr. Staffa:
Die Vertreibung einer Volksgruppe aus ihrer angestammten Heimat
und der damit zusammenhängende Raub ihres Landes und Vermögens
ist VÖLKERMORD. Die betroffenen Menschen wurden richtiggehend
entwurzelt, die Lebensgemeinschaften zerrissen, die Überlebenden
der einzelnen Familien kamen häufig isoliert in
unterschiedlichste fremde Wohnbereiche.
Eibicht: Was
waren ihre vorrangigen Beweggründe dafür, daß Sie sich als
gebürtiger Sudetendeutscher aus Mähren, als niedergelassener
Arzt, jahrelang kommunalpolitisch betätigt haben?
Dr. Staffa:
Die Erklärung dafür ist die Tatsache, daß ich in meiner Jugend
von den Ideen des Mit- und Füreinander der sudetendeutschen
Jugendbewegung und Turnerschaft geprägt wurde. Als Arzt für
Allgemeinmedizin und Familienvater konnte ich mich nur im
Wohnbereich der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Zuerst als
Vertreter der Heimatvertriebenen, später als
Fraktionsvorsitzender der UFB (Unabhängige Freie Bürger),
insgesamt 37 Jahre im Stadtrat und 30 Jahre im Kreisparlament.
Eibicht:
Neben diesem staatsbürgerlichen Engagement betätigen Sie sich
heimatpolitisch in der Sudetendeutschen Landsmannschaft und im
Witikobund, dessen Vorsitzender Sie bis vor zwei Jahren waren.
Der Witikobund wird als wertkonservative Gemeinschaft gerne dem
rechten Lager zugerechnet. Wie würden Sie selbst seinen
politischen Standort definieren?
Dr. Staffa:
Die Mitwirkung in der Sudetendeutschen Landsmannschaft und im
Witikobund war eine ganz natürliche und selbstverständliche
Folge meines in der Jugendbewegung entwickelten
Pflichtbewußtseins und der sich daraus ergebenden
Einsatzbereitschaft für die landsmannschaftliche Gemeinschaft.
Von Jugend an sah ich mich in der Verantwortung meinem Volk als
Ganzheit, als Sprach-, Abstammungs- und Kulturgemeinschaft
gegenüber. Deshalb konnte ich mich nicht nur einem Teil des
Ganzen, einer Partei verpflichten. Die schablonenhafte Einteilung
in rechts und links geht an meiner
ganzheitlichen Verantwortung vorbei. Politisch gesehen sollten
wir alle, gleich welcher Partei, immer vorrangig dem Wohl und den
Interessen des eigenen Volkes zu dienen trachten. So sehe ich im
Witikobund, der parteiunabhängigen, staatstragend zu wirken sich
bemühenden, der Gerechtigkeit und historischen Wahrheit
verpflichteten Gesinnungsgemeinschaft, die beste
Mitwirkungsmöglichkeit.
Eibicht: In
wenigen Tagen befinden wir uns im Jahr 2000, auch ein neues
Jahrtausend. Die letzten 55 Jahre haben heimatpolitisch keine
Veränderung des Zustandes wie er 1945 eintrat, gebracht. Das
Selbstbestimmungsrecht, und dessen Unterfall: das Heimatrecht,
Menschenrechte für die Sudetendeutschen, wurden nicht
realisiert. Warum ist man hier so erfolglos gewesen?
Dr. Staffa:
Sie fragen nach den Ursachen des sicher unbefriedigenden
Ergebnisses bisherigen heimatpolitischen Einsatzes. Ich kann hier
nur einen Teil dieser Ursachen anführen. Nach den furchtbaren
Katastrophen des Zweiten Weltkriegs in diesem Jahrhundert mit der
nach Kriegsende noch gesteigerten propagandistischen
Beieinflussung unseres Volkes wurden die eigenen Abwehrkräfte
weitgehend gelähmt. Die deutschen politischen
Verantwortungsträger brachten nicht die Kraft auf, die eigenen
Interessen gegen die verschiedenen Zwänge und intellektuell
raffinierten Fremdeinflüsse durchzusetzen. In dieser äußerst
ungünstigen politischen Gesamtathmosphäre haben auch die
führenden Kräfte der Vertriebenen, also auch der
Sudetendeutschen Landsmannschaft, viele Jahre hindurch kaum etwas
erreichen können.
Mit einer aus
falsch verstandener Rücksichtnahme von Teilen der
Landsmannschaft eingeschlagenen Anpassungspolitik konnte ja auch
kaum etwas erreicht werden. Das war ein Irrweg. Einer von
nationalistischem Haß geprägten tschechischen Politik
gegenüber muß allseits eine klare, nur der Gerechtigkeit und
historischen Wahrheit entsprechende Antwort gegeben werden. Die
für alle Völker gleichermaßen geltenden Grundsätze des
Rechtes, der Wahrheit und Menschlichkeit müssen
unerschütterlich, lautstark und mit aller Energie auch den
Tschechen gegenüber vertreten, verständlich gemacht und
durchgesetzt werden. Wenn historische Tatsachen übergangen
werden wird die Wahrheit, eine der wichtigsten Voraussetzungen
für einen dauerhaften Frieden, für eine wirklich gerechte
Lösung vorhandener Probleme, verraten. Völkerrechtlich korrekte
Verträge, wie der Prager Abtretungsvertrag vom 19./20. September
1938 mit dem nachfolgenden Münchner Abkommen (dem
Durchführungsabkommen der nach internationalem Völkerrecht
bereits vollzogenen Abtretung) wurde im Zuge der allgemeinen
Verurteilung des Nationalsozialismus für ungültig erklärt. Der
durch diese Entwicklung erzwungene erneute Bruch des
sudetendeutschen Selbstbestimmungsrechtes, eines als ius
cogens (zwingendes Recht) international anerkannten
Grundsatzes, kann aber mit der Verurteilung des totalitären
Systems des Nationalsozialismus nicht gerechtfertigt werden. Das
wurde und wird leider immer wieder versäumt deutlich zu machen.
Dabei muß in
diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß der Gründer
der ersten Nationalsozialistischen Partei der Weltgeschichte
nicht Adolf Hitler oder ein anderer Deutscher war, sondern der
Tscheche Vaclav Klofatsch, der diese Partei 1898 in Prag
gegründet hatte. Der spätere tschechische
Austreibungspräsident Dr. Eduard Benesch -, war
führendes Mitglied in dieser Partei, die sich vor der
Weltöffentlichkeit lange als liberal zu tarnen verstand.
Tatsächlich aber war den Sudetendeutschen in der alten
Tschechoslowakei unter diesem Regime eine Rolle aufgezwungen, wie
bedauerlicherweise Juden und anderen Völkern und Volksgruppen in
der Welt. Die Beneschisten hatten ja von Anfang an, d.h. sogar
vor der Gründung der ersten Tschechoslowakei (1918), eine
Entgermanisierung Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens (heute
ethnische Säuberung genannt) verlangt und in ihrem
Chauvinismus später auch 1945/46 auf brutalste Weise
durchgeführt. Während in Deutschland zwischenzeitlich jede auch
nur ansatzweise vorhanden gewesene chauvinistische Denkweise
solcher Art vollkommen überwunden wurde, ist dieser Ungeist
nationalistischen Hasses auch in der heutigen Tschechischen
Republik leider immer noch viel zu weit verbreitet. Unabhängig
davon ist es besonders traurig, daß auch die bisherigen
Regierungen der Bundesrepublik Deutschland in diesen für die
ganze Völkergemeinschaft so wichtigen Fragen der übergeordneten
Rechtsauffassung der Vertriebenen keine Hilfestellung gegeben
haben.
Eibicht: Herr
Dr. Staffa, wie sollte und müßte, aufgrund der Tatsache, daß
bisher nichts erreicht wurde, die sudetendeutsche Heimatpolitik
zu Beginn des neuen Jahrtausends aussehen, um heimatpolitisch
endlich voranzukommen?
Dr. Staffa:
Nach all diesen schmerzlich bitteren Erfahrungen müssen die
Verantwortungsträger aller Völker sich endlich ohne
wenn und aber für den
uneingeschränkten, entschiedenen Kampf für die Durchsetzung der
übergeordneten Grundsätze zwischenmenschlichen und
zwischenvolklichen Zuasammenlebens durchringen. Daß hierbei die
Heimatvertriebenen beispielhaft mithelfen ist
selbstverständlich. Sie treten ja nicht allein für ihre
Interessen ein, sondern sind Pioniere und Garanten für die
unbedingt notwendige Heilung aller Verbrechens-Altlasten und
ihrer Folgen und damit Vorkämpfer für das gemeinsame Ziel des
einigen Europas einander achtender, freier und eigenständiger
Völker und Volksgruppen. In fast allen Religionen und vielen
internationalen Verträgen sind die wichtigsten Gebote klar
formuliert. Diese Gebote müssen des Friedens wegen von allen
befolgt werden. Alle Unrechts-Wunden müssen ganz gleich
von wem, wann und wo begangen geheilt werden.
Vertreibungen und Raub von Land und Vermögen sind eben so lange
unverjährbare Verbrechen gegen Menschen- und Völkerrecht,
solange sie nicht bereut, gesühnt und so weit wie möglich
wiedergutgemacht sind. Gerechtigkeit, Menschlichkeit, historische
Wahrheit sind die besten Voraussetzungen für die gewünschte
Partnerschaft, die besten Garanten für einen dauerhaften
Frieden. Laßt uns alle gemeinsam für dieses Ziel unermüdlich
bis zur Erfüllung kämpfen.
Dr. Walter
Staffa war lange Jahre Vorsitzender des Witikobundes und ist
heute deren Ehrenvorsitzender. Er ist unter anderem Mitglied des
Bundesvorstandes der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL), der
sudetendeutschen Bundesversammlung sowie des Sudetendeutschen
Rates. Das Interview mit ihm führte Rolf-Josef Eibicht.